Den Weg von der Messe zum Stadion hab ich locker wieder für mich gewonnen - unzählige Familienväter mit Anhang und Kinder überholt. So kanns weitergehen. Waren ziemlich viele Menschen auf dem 20-minütigen Treck. Was ich auf dem kompletten Pfad nicht gesehen hab, waren Hannoveraner Anhänger. Langsam zweifel ich, ob der Verein außer Oliver Pocher noch andere Fans hat. Aber auch der ließ sich leider nicht blicken.
Im Stadionaußenbereich dann doch ein ganzer Fan mit einem schwarz-grünen TUI-Leibchen. Bin ich also doch nicht versehentlich zu einem Club-Trainingsspiel gegangen - beruhigend. Von meinem Platz ließ sich schließlich auch der komplette Hannoveraner Block betrachten. Sehr übersichtlich - da hatten etliche Zweitligaclubs mehr Anhänger dabei (siehe Bild). Andererseits hofft man ja in Nürnberg, dass der Gast heute auch freundlich auf den Weg in die Zweitklassigkeit geschickt wird. Im Innenraum hatte ich zunächst auch einige grüngewandete Anhänger erspäht. Hab mich schon gefragt, was die auf der Tartanbahn verloren haben - waren fast so viele wie im Gästeblock. Bei genauerem Hinsehen haben die sich dann als bezahlte "Anhänger" von sky entpuppt, deren dunkelgrüne Presseumhänge mich fatal an 96er Trikots erinnerten. Also doch nicht so viele Fans wie gedacht.

Trainer Hecking hatte überraschend am Mittwoch vor dem Spiel das Handtuch geworfen: ihm war die Unmöglichkeit der anstehenden Aufgabe bewusst geworden und so hatte er umweltfreundlich dem Mannschaftsbus einen weiteren Mitfahrer erspart.
Die Vorzeichen waren also klar: der Club gewinnt sein erstes Spiel im dritten Versuch und stürzt Hannover noch weiter in die Krise. Der in Hannover kurzerhand beförderte Co-Trainer Andreas Bergmann konnte es sich leisten, einen Ex-Nationalspieler (Mike Hanke) und einen Ex-Cluberer (Jacek Krzynowek) auf der Bank zu lassen. Überraschend, aber - wie sich später herausstellte - durchaus richtig.
Die ersten Chancen hatte - wie auch schon im ersten Heimspiel gegen Schalke - der Gast. Sah alles etwas zielstrebiger in Richtung Tor aus, auch wenn der Club Feldüberlegenheit hatte. Dennis Diekmeier, der im ersten Spiel noch als Marathonmann auf der rechten Seite eine Furche in den Rasen lief, probierts auch diesmal mehrmals. Aber erfolglos - er bleibt gleich zwei Mal am Gegenspieler hängen und auch der Rest seines Teams enttäuscht mit Fehlpässen oder glücklosen Angriffen. Einzig Schäfer (wer sonst?) zeigt Erstligareife. Er wurde nicht umsonst als "Torhüter des Jahres" der zweiten Liga ausgezeichnet.
Am 0-1 kann er trotzdem nix machen. Der alte Mann Jiri Stajner bekommt einen Pass von außen und stochert den Ball irgendwie vom 16er direkt neben den rechten Pfosten. Sehr schön gemacht und dazu auch noch ein bisschen verdient.
In der 25. Minute hatten endlich auch die Club-Fans etwas zu jubeln: nicht etwa ein Tor ihrer Lieblinge, sondern den Zwischenstand aus Mainz. Dort führte nämlich der Karnevalsverein gegen den wie immer erklärten Meisterschaftsfavoriten FC Bayern. Sehr schön, aber mir konnte keiner im Umfeld erklären, wieso man sich freut, wenn der direkte Konkurrent im Abstiegskampf gegen eine Mannschaft führt, gegen die man selbst wohl geschätzte 0 Punkte in zwei Spielen holt und man selbst wiederum gegen einen weiteren Konkurrenten im übersichtlichen Kreis der Abstiegskandidaten zurückliegt. Schulterzucken und ein "sind halt die Bayern" um mich rum. Sehr weitsichtig muss ich feststellen, aber man darf dem gemeinen Fußballfan auch nicht zu viel zumuten.
Auch beim 2-0 der Mainzer kurz drauf wird wieder munter gejubelt. Mir solls recht sein. Nur das Spiel des Clubs lässt keine Freudenausbrüche zu. Mit 0-1 gehts verdient in die Pause und zur locker 50 Mann zählenden Kloschlange. So geht die Unterbrechung auch rum und nächstes Mal gibts nix mehr zu trinken für mich. Wieder was gelernt.
In der zweiten Halbzeit wird alles besser - so die kollektive Stimmung. Nur auf dem Platz sieht man leider nix davon. Stajner ist es dann auch, der für die nächste Szene sorgt. Er spielt Pinola, der heute übrigens auch mal die Mittellinie überschreiten durfte, was ihm anscheinend eher liegt, einen Knoten in die Beine. Der fällt daraufhin um und sitzt auf dem Hosenboden. Stajner will an der Außenseite vorbei, was aufgrund des Winkels zum Tor nicht weiter tragisch gewesen wäre. Pinola nimmt sich jedoch wieder mal eine geistige Auszeit und robbt rückwärts in den Laufweg von Stajner. Bin mir nicht sicher, ob er hätte ausweichen können, wenn er gewollt hätte. Aber warum sollte er - so gibts berechtigt Elfmeter.

Stajner nimmt Ball und Glückwünsche entgegen - und trifft von ihm aus gesehen links oben. Allerdings hatte sich Pinola immer noch nicht mit dem Elfmeter gegen ihn abgefunden und war kurzerhand zu früh in den 16er gerannt. Also gibts Wiederholung. Und das ist wörtlich zu nehmen: Stajner probiert nochmal die selbe Stelle - und scheitert an Schäfer (leider fehlt auf dem Bild der Ball, der von der Latte verdeckt wird, nachdem Raphael pariert hat). Endlich mal Jubel aufgrund einer Clubaktion.
Jetzt geht ein Ruck durch die Mannschaft und alles wird besser. Zumindest war das die Hoffnung. Die Realität sah so aus, dass sich Hannover aufs Kontern verlegt und hinten sehr sicher steht. Sahen wesentlich routinierter aus als die Schalker zwei Wochen zuvor. Enke muss außer ein paar Abstößen vor den Augen seiner angeheirateten Familie (nehm ich mal an, dass die da waren - seine Frau ist aus der Gegend und war mal vor einigen Lebzeiten mit mir in einer Klasse) nix leisten. Im nächsten Leben werd ich Fußballtorwart gegen Gegner, die keinen Schuss aufs Gehäuse bringen.
Der Mann des Spiels sorgt dann kurz vor Schluss auch für die Entscheidung: der auffällige Stajner (nicht nur aufgrund seiner Haarpracht) tanzt im 16er einen Verteidiger aus und schießt anschließend durch zwei rot gekleidete Bewunderer durch grob vom Elfmeterpunkt ins Tor. Stajner ist übrigens ne ganze Woche jünger als ich. Vielleicht überleg ich mir das nochmal, ihn mit "alter Mann" zu titulieren. Jedenfalls der Schlusspunkt und damit verbunden das Abrutschen des Clubs auf den Relegationsplatz.
Ein absolut verdienter Auswärtssieg für eine Mannschaft, die so etwas Luft nach hinten gewinnt. Die gefühlt 10 mitgereisten Anhänger von Hannover sind auch komplett aus dem Häuschen und das zurecht.
Für den Club tritt jetzt das ein, wovor ich die Hardcore-Anhänger vor Saisonbeginn gewarnt hatte: im vermeintlich nicht allzu schweren Auftaktprogramm ("bei der Euphorie schlagen wir Schalke zu Hause", "Frankfurt hat uns schon immer gelegen - da gewinnen wir"; "Hannover ist auf dem Weg in die 2. Liga") kann man auch mal ohne viele Punkte bleiben. Die Frage ist, ob diese junge Mannschaft das auch mental verkraftet oder jetzt (noch) nervöser wird. Nächste Woche in Stuttgart wird sich schon mal zeigen, ob man sich hinten festsetzt. Überhöht sind die Erwartungen jetzt jedenfalls nicht mehr. Mir wäre wohler, wenn ich auf einen Abstieg des Clubs gewettet hätte. Das Geld würde jetzt gut investiert aussehen. Aber halt...hab ich ja ;)
P.S. Eine Choreo gabs übrigens diesmal nicht. Lediglich ein großes "Heimsieg"-Banner in der Nordkurve zwischen Ober- und Unterrang. Die Fans sollten Recht behalten - wenn sie denn Anhänger von Bochum, Mainz oder Bremen sind.
Bin durch Faszination Nordkurve auf deinen Blog aufmerksam geworden. Fein geschrieben und weiter so...
AntwortenLöschenGruß aus Block 9
R.I.O.
ebenfals großes Lob
AntwortenLöschenHab´s auch im Forum gelesen