Sonntag, 18. Oktober 2009

Das Comeback der Hoffnung: FCN-Hertha BSC 3:0

Ein richtungsweisendes Duell stand diesmal auf dem Programm: der Aufsteiger und Tabellenvorletzte FCN gegen den Vorjahresvierten und gleichzeitig Tabellenletzten Hertha BSC Berlin. Ohne näher hinzuschauen wäre die Platzierung des Hauptstadtclubs eigentlich unglaublich.

Aber Ruhm ist auch im Fußball vergänglich und bei näherem Hinsehen lassen sich diverse Änderungen zur Vorsaison erkennen, die den Absturz zumindest in Teilen erklärbar machen: der (13-)langjährige Manager Dieter Hoeneß hatte kleinere Erfolge nach Berlin gebracht, aber wohl das kaufmännische Talent seines Bruders nur bedingt geerbt. Anders lassen sich die 33 Millionen Euro Schulden (laut Vorschauheft der Sport Bild) vermutlich kaum erklären. Nach seinem Abgang durfte jetzt Michael Preetz ran, der sich
nach seiner Spielerkarriere sechs Jahre lang tieferen Einblick ins Management verschafft hatte und jetzt befördert wurde. Mit der Bürde in Form einer Auflage vom DFB, einen Transferüberschuss von knapp 6 Millionen Euro zu erwirtschaften. So wurden mit Voronin, Simunic und Marko „ich-schieß-und-verschieß-den-Elfer-auch-wenn-mirs-der-Trainer-vorher-verboten-hat“ Pantelic drei Leistungsträger abgegeben. Gebracht hats ein paar Euro in die Vereinskasse und den letzten Tabellenplatz. Aber zumindest ich hätte dem letztgenannten Egomanen keine Träne nachgeweint, wenn ich Herthaner wäre.

Der Zuschauerschnitt sank angesichts der miserablen Leistungen von 57000 auf gerade so kalkulierte 44000 – und Trainer Lucien Favre wurde durch Friedhelm Funkel ersetzt. Favre hatte den Fans, die befürchtet hatten, dass Platz 4 nicht zu wiederholen sei, versprochen, dass man weiter gute Leistungen zeigen werde. Das hat auch gleich so gut geklappt, dass er entlassen wurde. Man hoffte also mit der altbekannten Taktik der bisherigen Auswärtsteams zum Erfolg zu kommen (Trainerwechsel vor Auswärtsspiel beim Club; siehe Hannover und Bochum).

So war ich denn auch gespannt, wie viele Berliner die geschätzten fünf Stunden Busfahrt auf sich nahmen. Bereits in der U-Bahn fielen mir die ersten beiden mit Bierflaschen bewaffneten Anhänger der Herthaner auf – das hatte ich bislang noch gar nicht. Auch der Messeparkplatz war überfüllt mit fremden Kennzeichen…allerdings von Teilnehmern an einer Automesse, wie ich dann schnell erkannte. Will wohl doch nicht jeder zum absoluten Kellerduell der Bundesliga.

Auf dem Weg dann ein Berliner Fanbus (siehe Bild). Allerdings war der, genauso wie ein zweiter daneben, eigentlich für Stadtrundfahrten in der Hauptstadt gedacht. War ein gerissener Verantwortlicher einfach auf die grandiose Idee gekommen, aufgrund Fanmangels einen Touri-Bus zu entführen und die Insassen zwangsweise zum Auswärtsspiel vorzuführen? Angesichts der Lage wärs ja fast verständlich.

In der Kurve aber letztendlich doch lauter „freiwillige“ Anhänger der Herthaner. Schade. Die allerdings auch nicht besonders zahlreich – geschätzt ungefähr so viele (wenige passt hier wohl besser) wie vor Wochen Bochumer und ähnlich blau gewandet. Sie hatten ein ziemlich großes, um nicht zu sagen riesiges, Transparent mit der Aufschrift „In Gedenken an Carsten Grab“ im Oberrang aufgehängt. Toller Vorname dachte ich mir, aber ansonsten konnte ich nix mit dem Namen anfangen. Eine Google-Suche hilft hier weiter: es handelt sich um den ehemaligen Fanbeauftragten der Hertha, der sich im Oktober 2000 aus immer noch ungeklärten Gründen vor eine U-Bahn warf. Die blöden Einfälle, die mir dazu einfallenn, lass ich mal weg. Ansonsten Respekt, dass auch 9 Jahre nach dem Tod des Manns noch Fans sein Andenken bewahren.

Gespielt wurde übrigens auch.

Und das aus Clubsicht endlich richtig gut. Eigentlich zum ersten Mal bei einem Spiel, bei dem ich anwesend war (Gladbach hatte ich ja aus „persönlichen Gründen“ ausgelassen). Von Beginn an dominierte der Club wie zum Teil bei besten Spielen letztes Jahr in der zweiten Liga. Wunderschöne Kombinationen – hauptsächlich über die linke Seite mit Mike Frantz. Die Hertha dagegen war gedanklich wohl noch in der Kabine und kam zu kaum nennenswerten Aktionen.

Bereits in der 6. Minute legte Frantz, nachdem er zwei Herthaner an der rechten Torauslinie stehen ließ, perfekt flach auf den 16er ab, doch es kam nur ein Schüßchen heraus. Das rüttelte die Hertha aber auch nicht auf und so ging es für den Club wunderbar eintönig weiter: das Spiel spielte sich komplett in der Berliner Hälfte ab und in der 18. Minute wurde dieser schon vergessen geglaubte Wirbel mit einem Tor von Gygax gekrönt, der den dritten Herthaner Torhüter Burchert tunnelte.

Der Club ließ auch in der Folge nicht locker und wurde kurz darauf erneut belohnt: der genannte Keeper Burchert, bereits in einem vorhergehenden Spiel aufgrund seiner fehlenden Torwartkünste negativ aufgefallen, wollte einen Abstoß schnell ausführen. Er passte zu einem Mitspieler, der ca. 20 m vor dem Tor, lose umringt von drei Clubspielern in unmittelbarer Nähe, mit dem Rücken zum Spielgeschehen stand. Frantz erkämpft sich vor diesem den Ball, überläuft einen Gegenspieler und steht plötzlich halblinks vor Burchert. Er kann überlegt (so heisst es zumindest, wenns klappt; andernfalls: „warum spielt der Depp noch ab?“) quer auf Bunjaku geben, der sauber ins lange Eck vollendet. Absolut verdient 2:0.

Hier jetzt die gefährlichen Chancen der Hertha in der ersten Halbzeit:


Fertig. Zwei magere Schüsschen grobe Richtung Tor, die man getrost als harmlos bezeichnen kann. Kurz vor der Halbzeit haben wir zur Sicherheit die Feldspieler der Berliner durchgezählt. Man hatte konstant das Gefühl, dass sie nur zu acht spielten, da es im Club-Angriff haufenweise ungedeckte Feldspieler gab, jedoch von der Hertha auch niemand vorne rumstand. Sehr seltsam und von Erstliganiveau so weit entfernt wie im Moment Unterhaching.

In der zweiten Halbzeit gab es wohl eine deutliche Ansprache von Friedhelm Funkel, einen Motivationstanz oder etwas ähnliches in der Art. Was es auch war- man hatte das Gefühl, dass die Mannschaft in der zweiten Halbzeit zur Abwechslung auch Fußball spielen wollte, was von ihnen in der ersten Hälfte nicht mal im Ansatz anzusehen war. Unterstützt wurde dies durch die Einwechslung von Adrian Ramos, einem kolumbianischen Stürmer, der zuvor beim weltbekannten Club Corporacion Deportiva America de Cali (Amerika kenn ich und Deportiva La Coruna auch, den Rest nicht) kickte und getrost als bester Spieler der Berliner geehrt werden kann. Aber er hatte ja kaum Konkurrenz.

Plötzlich gab es auch Berliner Pässe mit mehr als einer Station und das ein oder andere war nett anzusehen…aber harmlos und ohne nennenswerten Abschluss blieb es trotzdem. Die beste Chance nach der Hälfte hatte dann wiederum ein Clubberer mit Marek Mintal. Das Phantom ließ halblinks einen Abwehrspieler stehen und hatte freie Schussbahn aus 16 Metern. Früher hätte er sich sowas nicht entgehen lassen. Diesmal verzieht er und schießt links am Tor vorbei.

Auf der Tribüne waren wir uns einig, dass der Club noch ein Tor braucht. Konnte sich zwar keiner vorstellen, wie Hertha überhaupt ein, geschweige denn zwei, Tore schießen will, aber ich sag nur Pferde und kotzen. Die Bedenken wurden jedoch kurz darauf ad acta gelegt: Bunjaku verwandelte eine sehr schöne Ablage vom bemühten, aber anderweitig glücklosen, Eigler. 3:0 und die Messe war gesungen,wie mein Nebenmann so schön feststellte.

Vom Hertha-Block hörte man übrigens ab der Halbzeit gar nix mehr. Wahrscheinlich waren sie nach der Regionalliga-würdigen Vorstellung ihres Teams in der ersten Hälfte dermaßen sauer, dass sie jeglichen Support einstellten. Ich kanns ihnen nicht verdenken. Oder es waren doch nur entführte Hauptstadttouristen.

In der 72. durften sie zumindest kurz noch auf den Ehrentreffer hoffen. Bei einem Freistoß in guter Position zeigte Raphael Schäfer, dass er seine Auflaufprämie diesmal nicht nur durch Abstöße verdient hat, und fischte einen von uns vermutet sicher im Winkel einschlagenden Ball heraus. Nicht umsonst der Spieler des Jahres letzte Saison.

Der Club kam letztlich zu einem ungefährdeten, auch in dieser Höhe eindeutig verdienten, 3:0. Wir hatten ja immer noch gehofft, dass die bisherige Torbilanz aus acht Spielen (!) mit vier Treffern in diesem Spiel verdoppelt wird. Hat nicht ganz geklappt, aber das hat den Sieg kein bißchen getrübt. So waren endlich wieder mal trotz des Winterwetters freudige Gesichter auf dem Heimweg zu sehen (von den paar Berlinern, die mir über den Weg liefen, mal abgesehen). Bleibt abzuwarten, ob es nur am grottigen Gegner lag oder der Club tatsächlich auf dem richtigen Weg ist. Ein Fingerzeig wird wohl das Spiel in Hoffenheim nächste Woche werden, denen man im Pokal nicht wirklich ebenbürtig war.

Und weils bisher so selten war: diverse Clubspieler beim Torjubel nach dem 1-0…

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