Samstag, 31. Oktober 2009

Süßes und Saures: FCN-Werder Bremen 2:2

Ein Spiel, von dem ich im Vorfeld nicht die Welt erwartete, das dann aber mitriss und schließlich alle Höhen und Tiefen durchschritt. Passend zum heutigen Halloween-Motto.

Auch diesmal waren auf dem Weg zum Stadion nur wenige Gästefans zu erspähen. Die einzig „Grünen“ waren die mehr oder weniger freundlich dreinblickenden Ordnungshüter, die den Fußweg zwischen Consumenta und Frankenstadion säumten. Der Gästeblock war dann aber doch erstaunlich gut gefüllt – wie auch der Rest des Stadions.

Bremen hatte ja vor der Saison seinen Besten – enfant terrible Diego – abgegeben. Der trifft jetzt für Juventus Torin äh Turin oder bringt die Fans durch nicht immer nachvollziehbare Äußerungen in Rage. Je nach Tagesform. Um das zu verschmerzen durfte sich Bremen 25 Millionen aufs Konto buchen lassen (zumindest mussten sie ihn nicht an die Bayern verkaufen, was ja lange im Raum stand).

Die Ablöse wurde zum Teil halbwegs sinnvoll wieder investiert – für Marin, Pizzaro und Moreno. Letzterer hat nicht wirklich eingeschlagen, aber der Rest taugt soweit. Bremen hat sich für dieses Jahr auch mehr als den 10. Platz vorgenommen, der nach einem enttäuschenden letzten Bundesligajahr (den DFB-Pokal-Sieg mal ausgenommen) übrig blieb. Mittlerweile haben sich die Bremer auch wieder im Bereich der Tabellenspitze festgesetzt und das mit schön anzusehendem Offensivfussball.

So musste man von einer weiteren Niederlage des Clubs zu Hause ausgehen. Die Buchmacher hatten für Bremen die niedrigste Siegquote der bisherigen Gästeteams notiert.

Nach einer sehr nett anzusehenden, aber für mich nicht nachvollziehbaren Choreo (SO 1?; S04? muss bleiben – vielleicht kann mir ja jemand helfen; Bild anbei), gings dann überraschend los. Trainer Schaaf, der auf die Stürmer Almeida und Pizza Ro verzichten musste, hatte wohl eine „Schau mer mal“-Taktik ausgegeben. So stellten Naldo und Mertesacker in der ersten Minute einen neuen Rekord im Doppelpass-Spiel auf: geschätzte 10 Mal ging der Ball zwischen den beiden hin und her, bis sich doch mal ein Club-Angreifer dazu durchringen konnte, einzugreifen. Das führte zu einem Befreiungsschlag, der jedoch prompt zurückkam. Naldo – wohl aufgrund des gedeckten Doppelpassempfängers Mertesacker – entschloss sich zu einem Rückpass auf Tim Wiese.

Bevor es weitergeht noch ein kurzer Einschub zu Tim Wiese. Den konnte ich noch nie leiden (gut – soo lang kenn ich ihn noch nicht; erst seit er für Lautern im Kasten stand). Der ist, was Michael Mittermeier so schön als „AK“ umschreibt. Selbstkritik ist für ihn ein Fremdwort und sein Anspruch ist immer noch, dass er Nationaltorhüter sein sollte. Das mag so sein, aber zum Glück ist er es nicht für Deutschland. Neulich hab ich mal gelesen, dass er bei Gerry – Spitzname „Tarzan“ – Ehrmann (Lauterer Torwartlegende aus den 80ern) in die Lehre ging; der Autor merkte auch gleich an, dass sich die beiden vom (fehlenden) IQ her auch ziemlich ähnlich wären. Das hab ich jetzt aber nur angefügt, weils meine Meinung bestätigt hat.

Der Rückpass von Naldo auf den verhinderten Nationaltorhüter gerät jedenfalls recht holprig und kurz. Eigler spritzt dazwischen und Wiese stürmt auf den Ball zu…und vorbei. Eigler kann sein Glück kaum fassen und schiebt den Ball hinter dem liegenden Keeper locker ins Tor. Ich geb mal 60 % der Schuld Naldo für den schlechten Pass, den Rest hat sich Wiese verdient. Jedenfalls ein überragender Start für den Underdog.

Bremen übernimmt wütend das Spiel, ohne jedoch richtig gefährlich zu werden. Trotzdem manchmal nett anzusehen, was da im Mittelfeld veranstaltet wird.

Ihre Schwäche bei Rückgaben und hohen Bällen behielt die Bremer Hintermannschaft jedoch bei. Bunjaku einmal der Nutznießer in der 12. Minute, doch Wiese klärt gegen den frei vor ihm auftauchenden Stürmer.

In der 14. dann überschwänglicher Jubel nach einem Mintal Tor. Bis Schiri Winkmann auf Handspiel entschied. Als nur wenige Sekunden später der Grasallergiker Diekmann sich nach einer Grätsche gelb einhandelte, war die Stimmung endgültig aufgeheizt. Mit teilweise frag- und merkwürdigen Entscheidungen (aus Clubsicht muss das natürlich heißen: „die schwarze Sau pfeift alles gegen uns!“) schaffte er es auch im weiteren Spielverlauf, dass er die Wahl zum liebsten Schiri der Clubfans auf einem der letzten Plätze abschließen würde.

Das Spiel schaffte es trotzdem (oder deswegen?) sehr unterhaltsam zu sein. Bremen mit teilweise schönen Kombinationen, jedoch mit einer Ausnahme ohne zwingende Chancen. Der Club hielt mit Kampf dagegen und erarbeitete sich die besseren Möglichkeiten: Kluge mit einem unhaltbaren Hammer an den rechten Pfosten und Mintal, der freistehend aus schlechtem Winkel weit verzieht.

In der 33. gabs schließlich Ecke für den Club von der linken Seite. Die Entscheidung war umstritten und Borowski, der sich nebenan warmlief, wollte den Ball zunächst nicht herausgeben. Er hatte wohl schon eine Vorahnung. Schließlich durfte Frantz doch die Kugel nach innen treten – und Bunjaku köpfte Richtung langer Pfosten. Dort stand aber Thorsten Frings, der klärte. Dachte ich zunächst. Doch Schiri Winkmann entscheidet auf Tor – und liegt nach Ansicht diverser Wiederholungen diesmal richtig. Frings hatte seinen rechten Fuß deutlich hinter der Linie und der Ball war mit kompletten Durchmesser (nicht: Umfang – regt mich immer wieder mal bei Reportern auf) im Tor. 2:0 für den Club und keiner hatte es erwartet.

So gings auch in die Halbzeit. In der Pause gabs wieder keine schwachsinnigen Spielchen. Eigentlich schade – die benachbarten Icetigers bieten ein dümmliches Reise-nach-Jerusalem an, das nur erträglich ist, wenn man auf die Teilnehmer wettet; dafür ein Interview mit einem Nürnberger (Frau) und Bremer (Mann) Ehepaar in spe. Die hatten am Abend Polterabend. Ich hab mich ernsthaft gefragt, wie die Spielbesuch und Polterabend am gleichen Tag auf die Reihe bringen wollen. Aber vielleicht waren ja nur 5 Gäste angekündigt.

In der zweiten Hälfte gings ähnlich los wie in der ersten: die Bremer Abwehr wusste immer noch nicht, was sie mit langen Bällen anfangen soll und so gabs die nächste Clubchance, die jedoch wiederum AK Wiese klärt.

Im Anschluss wurde Bremen druckvoller und viele hatten den Schmerzensschrei schon auf den Lippen, als Naldo nach einer Ecke gegens Lattenkreuz köpft. Gerade nochmal gut gegangen. Naldo fehlte sofort hinten, denn der vorbildlich eingeleitete Konter lief zügig an: Kluge (sehr umsichtig und gut diesmal) lief rechts auf und davon. Als der letzte Bremer zu ihm zieht, passt er mit Übersicht in die Mitte auf den mitgeeilten Mintal. Der scheint aber prompt stehenzubleiben. Das Phantom ist leider seit Spielen abgetaucht, aber jetzt hat er ja die Chancen, das Spiel endgültig zu entscheiden und sowas wird er sich ja nicht entgehen lassen.

Leider ist er mittlerweile jedoch so langsam, dass zwei Bremer aufschließen. Die lässt er aussteigen und schießt dann – wieder mal – Wiese an. Ein etwas kläglicher Abschluss einer guten Ausgangssituation.

Mittlerweile gings abwechselnd rauf und runter – ein ausgeglichenes und sehr unterhaltsames Spiel. Eine Schäferparade wird von einer Chance auf der anderen Seite abgelöst. In der 60. zeigt Andi Wolf dann, dass er auch bei Bremen in der Abwehr spielen könnte: eine Kopfballrückgabe zu Schäfer misslingt ihm gründlich, der ansonsten über weite Strecken enttäuschende angehende Nationalspieler Özil lupft über Schäfer – und trotzdem geht der Ball nicht rein. Judt klärt nämlich mit viel Übersicht auf der Linie (der süß-Teil seines Auftritts…).

In der 71. gabs schließlich doch den verdienten Anschlusstreffer für die Fischköpfe. Nach einem Stellungsfehler auf der rechten Abwehrseite kommt ein Bremer ungehindert zur Flanke und Hunt köpft ein. Ich hatte irgendwie erwartet, dass Schäfer noch hinkommt, aber anscheinend war der Ball zu platziert.

Bremen drängte jetzt auf den Ausgleich. Erneut Hunt (der ansonsten aber nicht so stark wie Marin auf links war) mit einem Schuss übers Tor und Borowski, der freistehend Schäfer in der Tormitte anköpft, vergeben die besten Möglichkeiten.

Schiri Winkmann zieht sich mit 3 Minuten Nachspielzeit schließlich zum letzten Mal den Unmut der Clubfans zu. Aber so lange hätte es gar nicht gebraucht, denn…

…Juri Judt (mit seiner sauren Aktion…) hatte einen absoluten „Brainfart“ (so nennen die Amis eine geistige Auszeit; wörtlich übersetzt „Gehirnfurz“ – nichts trifft diese Aktion besser): auf der rechten Seite will er den Ball klären, da der ein oder andere Bremer um ihn rumsteht. So weit, so gut. Bereits in der E-Jugend lernt man, dass man unter keinen Umständen in die Mitte „klärt“. Befreiungsschlag nach vorne, nach rechts zum Einwurf, selbst mit der Hacke zur Ecke – alles mehr oder weniger gute Optionen. Aufs eigene Tor oder halbhoch in die Mitte schießen – unter allen Umständen vermeiden.

Leider führt dieser Brainfart zum Ausgleich: schon wieder Aaron Hunt lässt sich aus 18 Metern nicht lange bitten und hämmert den Ball in den rechten Winkel. Raphael Schäfer bringt Juri Judt die goldene Regel nochmal deutlich und lautstark näher – jedoch zu spät. Der Schaden ist da und der Club muss sich mit einem Punkt begnügen.

Aufgrund des Spielverlaufs wohl durchaus in Ordnung, aber letztendlich doch enttäuschend. Überall um mich rum war nur noch „Mann mann mann“ zu hören und das triffts wohl am besten.

Ich hatte übrigens noch andere Titel ins Auge gefasst: "So geht Fussball heute" (als es noch nach Heimsieg aussah - als Anspielung auf den grammatikalisch fragwürdigen Werbespruch auf den Bremer Trikots, bei dem ich zum Glück nicht weiß, welche Bank dahinter steht - bin ein Fernseh- aber kein Werbungskind); außerdem "die Zähmung der Fischköpfe", aber das hatte sich mit dem Ausgleich ja auch erledigt - daher jetzt das Halloween Motto.

Ich kann jetzt jedenfalls schon mal die Winterpause einläuten. Werde, so wie es aussieht, die letzten beiden Heimspiele gegen Freiburg (Viva Las Vegas) und Hamburg (Jagd) verpassen. Aber das kostet mich wahrscheinlich weniger Nerven als heute…

2 Kommentare:

  1. 50 + 1 muss bleiben heißt das....

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  2. also für mich als aus-der-ferne-beobachter des clubs (bin immer für ihn, solange es halt nicht gegen bayern geht) gäbe es eigentlich nur einen albtraum: der club übernimmt die taktik der kölner mit ihrem faschingsprinzen und ermauert sich mühsam ein 0:0. was wären das für langweilige spielzusammenfassungen von dir! da ist mir so ein spiel, auch wenn es wirklich schmerzhaft war anzusehen, wirklich lieber. da hast du hinterher genug stoff um dich auszutoben. und ich lerne immer was neues: diesmal grasallergiker!!!
    viel spaß im urlaub! und gruß an die holde aus niederbayern

    mfg

    wolfgang

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    In den frühen 30ern, gefühlt noch lang nicht so alt. FingerHaus Medley 300, frei geplant

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